Pollen ist für Honigbienen weit mehr als eine Proteinquelle für die Aufzucht ihrer Brut. Eine aktuelle Studie zeigt: In den Pollenkörnern reisen mikroskopisch kleine Bakterien mit, die natürliche Antibiotika produzieren – und damit Bienenvölker gegen gefährliche Krankheitserreger schützen können. Für uns Imker eröffnet das eine faszinierende Perspektive auf die Gesundheit unserer Völker.
Die Studie: Pollenbakterien gegen Bienen- und Pflanzenkrankheiten
Ein Forschungsteam um Dr. Daniel May vom Washington College in Maryland und der University of Wisconsin–Madison hat untersucht, welche Mikroorganismen natürlicherweise im Pollen vorkommen – sowohl direkt auf Blütenpflanzen als auch im gelagerten Pollen innerhalb von Bienenstöcken. Ihre Ergebnisse, veröffentlicht im Fachjournal Frontiers in Microbiology, sind bemerkenswert.
Zwischen April und Juni 2021 sammelten die Forschenden Pollen von zehn einheimischen Pflanzenarten im Lakeshore Nature Preserve an der University of Wisconsin–Madison sowie aus den Pollenvorräten eines nahegelegenen Bienenvolkes. Insgesamt isolierten sie 34 Bakterienstämme: 16 von den Pflanzen, 18 aus dem Bienenvolk. Das Ergebnis der DNA-Analyse: In beiden Probengruppen fanden sich die gleichen oder eng verwandte Bakterienarten. Rund 72 Prozent der Stämme gehörten zur Gattung Streptomyces – einer Bakteriengruppe, aus der etwa zwei Drittel aller heute klinisch eingesetzten Antibiotika stammen.
Wie die Bakterien in den Bienenstock gelangen
Die Studie zeigt: Die Streptomyces-Stämme sind keine zufälligen Mitreisenden auf dem Pollen. Es handelt sich um sogenannte Endophyten – Bakterien, die dauerhaft im Inneren von Pflanzengewebe leben, ohne der Pflanze zu schaden. Sie besiedeln Blätter, Stängel und Blüten und gelangen mit dem Pollen auf die Sammelorgane der Bienen.
Der Transportweg ist dabei denkbar einfach: Die Bienen streifen die Bakterien beim Blütenbesuch zusammen mit den Pollenkörnern ab, tragen sie im Pollenhöschen in den Stock und lagern sie in den Pollenwaben ein. Dort produzieren die Bakterien weiter ihre antimikrobiellen Substanzen – direkt in der Nahrung, die an die Larven verfüttert wird.
Die Genomanalysen bestätigten die endophytische Lebensweise: Die Bakterien verfügen über Gene für Enzyme, die Pflanzenzellwände sanft öffnen, über die Produktion von Pflanzenhormonen wie Auxinen, die das Wachstum ihres Wirts fördern, und über die Bildung von Siderophoren – Molekülen, die Eisen binden und so Krankheitserregern entziehen.
Wirksamkeit gegen bekannte Bienenkrankheiten
Im Labor ließen die Forschenden die isolierten Streptomyces-Stämme gegen sechs bekannte Krankheitserreger antreten – drei bienenrelevante und drei pflanzenrelevante Pathogene.
Auf der Bienenseite standen:
Aspergillus niger – der Erreger der Steinbrut (Stonebrood), einer Pilzkrankheit, bei der Bienenlarven im Inneren der Zelle versteinern. Nahezu alle getesteten Bakterienstämme hemmten das Wachstum dieses Pilzes deutlich.
Paenibacillus larvae – der Verursacher der Amerikanischen Faulbrut, der wohl gefürchtetsten Brutkrankheit in der Imkerei. Auch gegen diesen Erreger zeigten mehrere Stämme eine moderate bis starke Wirkung.
Serratia marcescens – ein Bakterium, das das Immunsystem von Honigbienen schwächt und Sekundärinfektionen begünstigt.
Auf der Pflanzenseite hemmten die Bakterien Erreger, die Feuerbrand bei Äpfeln (Erwinia amylovora), bakterielle Welke bei Tomaten und Kartoffeln (Ralstonia solanacearum) sowie verschiedene Pflanzenkrankheiten (Pseudomonas syringae) verursachen.
Warum das für Imker relevant ist
Die Ergebnisse berühren direkt unsere imkerliche Praxis – aus mehreren Gründen.
Erstens zeigen sie, dass die Gesundheit eines Bienenvolkes nicht nur von dem abhängt, was die Bienen an Pollen eintragen, sondern auch davon, welche Mikroorganismen der Pollen mitbringt. Ein vielfältiges Trachtangebot mit unterschiedlichen Blühpflanzen liefert nicht nur ein ausgewogenes Nährstoffspektrum, sondern auch eine breitere Palette nützlicher Bakterien. Monokulturen dagegen verarmen dieses unsichtbare mikrobielle Schutznetz.
Zweitens stellt die Studie die heute verfügbaren Behandlungsmethoden in einen neuen Kontext. Gegen die Amerikanische Faulbrut gibt es in Deutschland ohnehin kein zugelassenes Antibiotikum – befallene Völker müssen abgetötet werden, das ist gesetzlich vorgeschrieben. In anderen Ländern, etwa den USA, werden Antibiotika wie Oxytetracyclin oder Tylosin eingesetzt, die allerdings die Darmflora der Bienen schädigen, Rückstände im Wachs und Honig hinterlassen und zunehmend auf Resistenzen stoßen. Die Pollenbakterien bieten hier einen grundlegend anderen Ansatz: statt von außen ein Medikament aufzubringen, wird das mikrobielle Abwehrsystem des Volkes von innen gestärkt.
Drittens gibt die Forschung dem Engagement für Blühflächen, Hecken und Mischkulturen ein neues, wissenschaftlich fundiertes Argument. Wer als Imker oder Landwirt für eine vielfältige Trachtlandschaft sorgt, fördert nicht nur die Ernährung der Bienen, sondern baut gleichzeitig ein breiteres mikrobielles Schutzschild auf.
Was daraus werden könnte
Die Studie befindet sich noch im Grundlagenstadium, aber die Forschenden skizzieren bereits mögliche Anwendungen: Die gezielte Auswahl besonders wirksamer Streptomyces-Stämme aus regionalen Wildpflanzen, deren Vermehrung in kontrollierten Kulturen und das Beimischen zu Pollenersatzfutter oder das Ausbringen an Trachtpflanzen, damit Bienen die nützlichen Bakterien beim Sammeln selbst aufnehmen.
Dr. Daniel May fasst es so zusammen: In Zukunft könnte die Behandlung von Bienenkrankheiten darauf hinauslaufen, die richtigen nützlichen Bakterien in den Stock einzubringen, um bestimmte Krankheitserreger gezielt zu kontrollieren.
Bis dahin sind noch viele Fragen offen: Wie stabil bleiben solche Bakterienpopulationen unter verschiedenen Klima- und Standortbedingungen? Können sie unbeabsichtigt andere, ebenfalls hilfreiche Mikroben verdrängen? Welche Dosierung ist sinnvoll? Diese Fragen werden in den kommenden Jahren in Modellstöcken und Versuchsfeldern geklärt werden müssen.
Was wir als Imker jetzt schon tun können
Auch wenn die gezielte Anwendung von Pollenbakterien noch Zukunftsmusik ist, bestätigt die Studie etwas, das erfahrene Imker aus der Praxis kennen: Völker, die in einer abwechslungsreichen Trachtlandschaft stehen, sind oft vitaler und widerstandsfähiger. Der Grund dafür liegt offenbar nicht nur im besseren Nahrungsangebot, sondern auch in der reicheren mikrobiellen Ausstattung des Pollens.
Für unsere Imkerei hier im Kreis Plön bedeutet das: Die Knicks, Wildblumenwiesen, Waldränder und vielfältigen Trachtflächen Schleswig-Holsteins sind für die Bienengesundheit wertvoller, als wir bisher vielleicht dachten. Jeder Blühstreifen, jede Hecke und jede naturbelassene Ecke trägt dazu bei, dass unsere Bienen nicht nur satt werden – sondern auch die unsichtbaren Verbündeten mitbringen, die sie gesund halten.
Quellen
- Reichardt, C., Estes, D., Carlson, C. M., Currie, C. R. & May, D. S. (2025): „Endophytic Streptomyces from honeybee hives inhibit plant and honeybee pathogens.“ Frontiers in Microbiology, 16. DOI: 10.3389/fmicb.2025.1644842 – Volltext: frontiersin.org/journals/microbiology/articles/10.3389/fmicb.2025.1644842/full
- Frontiers Science Communications (30. September 2025): „Natural antimicrobial drugs found in pollen could help us protect bee colonies from infection.“ – frontiersin.org/news/2025/09/30/frontiers-microbiology-antimicrobials-in-honeybee-pollen-stores
- ScienceDaily (30. September 2025): „Pollen holds a secret that could save honeybees.“ – sciencedaily.com/releases/2025/09/250930034200.htm
- Phys.org (30. September 2025): „Natural antimicrobial drugs found in pollen could help protect bee colonies from infection.“ – phys.org/news/2025-09-natural-antimicrobial-drugs-pollen-bee.html


